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Abbruch "Deutsche Bank", Münster 2010  

Foto: Werner Klöpper

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Werner Klöpper

 

Fast ganz unten : Tafeln in Deutschland

 

-Buchbesprechung-

 

In Deutschland, in einem der reichsten Länder der Welt, gibt es Menschen, die arm sind und nicht genug zu essen haben. Hier springen die Tafeln ein, die mit vielen ehrenamtlichen Helfern Lebensmittel an Bedürftige verteilen.

Wie Prof. Selke in seinem Buch „Fast ganz unten“ schildert, versorgten im Jahre 2008 fast 800 Tafeln in Deutschland eine Million Menschen mit Lebensmitteln. Das Motto der Tafelbewegung lautet : „Jeder gibt, was er kann“.

Bedürftige Menschen werden mit Waren der Überflussgesellschaft versorgt :

Mit Waren , aus der Überproduktion der Lebensmittelbranche oder mit Lebensmitteln, die kurz vor dem Ablauf des Haltbarkeitsdatums stehen.

Das Wachstum der Tafelbewegung ist als eine direkte Folge der Hartz-IV-Gesetzgebung anzusehen.

Die Tafeln gelten nach der Meinung von Prof. Selke als „die grösste soziale Bewegung seit den 1990er Jahren“. Die aus Amerika stammende Grundidee der Tafeln ist einfach : Überschüssige Lebensmittel werden eingesammelt und kostenlos an bedürftige Menschen und soziale Einrichtungen verteilt. 1993 wurde die Idee mit der Gründung der Berliner Tafel e.V. nach Deutschland „importiert“. Sie wird von Daimler Chrysler, ALDI, REWE, LIDL und METRO Group unterstützt.

32000 ehrenamtliche Helfer sind jede Woche für ihre Kunden im Einsatz.


 

Neue Armut und Tafelbewegung in Deutschland

 

In unserer Gesellschaft gibt es Menschen, deren Armut man äusserlich kaum sieht, die aber dennoch auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Die Tafeln in Deutschland erreichen immer mehr Menschen, die Zahl der versorgten Bürgerinnen und Bürger nahm 2005 um 40 Prozent zu.

Die Helfer, die sich freiwillig bei einer Tafel engagieren, benötigen keine besondere Ausbildung. Statt einzukaufen, sammeln sie eben Lebensmittel in Mengen. Die Ehrenamtlichen wollen durch ihre Arbeit anerkannt werden, ihre beruflichen Qualifikationen nutzen und etwas „Sinnvolles“ tun.

Ihre „Kunden“ sind „normale“ Menschen, die auf der anderen Seite des Ausgabetisches stehen. Morgen kann es schon umgekehrt sein.

Nur gut 2 % der erwachsenen Tafelkunden sind Obdachlose. Gut 36 % sind ALG II bzw. Sozialhilfeempfänger, knapp 25 % Spätaussiedler und Migranten.

Wer arm ist, dem fehlt das Notwendige zum Leben.

Zu den traditionellen Armen ( z.B. Obdachlose) gesellen sich „neue“ Arme, die aus fast allen gesellschaftlichen Schichten kommen. Man spricht von einer „Demokratisierung der Armut“, d.h. jede und jeden kann es treffen. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und dem damit verbundenen sozialen Abstieg gehört zu den häufigsten Sorgen der Deutschen. Wir leben in einer Gesellschaft, die es zulässt, dass fast eine Million Menschen mit Lebensmitteln durch die Tafeln versorgt werden.


 
 

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Sozialreportage aus der Welt der Lebensmitteltafeln


 

Auch die Spender von Lebensmitteln profitieren von den Tafeln.

In Deutschland gibt es nicht nur Lebensmittelarmut, sondern gleichzeitig Lebensmittelvernichtung. Nach Schätzungen werden 20 bis 40 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, in der nur perfekte Ware in die Regale kommt. Teilweise gibt es bei einigen Tafeln sogar Mitarbeiter, die in den Supermärkten die Restware aussortieren. Die Supermärkte reduzieren so Personalkosten und den Tafeln ist eine Mindestmenge an Lebensmitteln garantiert. Die Tafeln helfen, die massenhaft überproduzierten Warenberge abzubauen und verringern die Müllberge, die sonst anfallen würden. Die Spender haben fast keine Entsorgungskosten für Lebensmittel. Für Spenden bekommen Firmen eine Spendenquittung und sparen Steuern.

Soziale Gründe spielen bei der Abgabe von Lebensmitteln nur eine untergeordnete oder eine vorgeschobene Rolle.

Die Tafeln haben nicht nur eine ökonomische, sondern vor allem eine soziale Funktion (als eine Art Ersatzfamilie mit Ansprache und Geselligkeit). Sie ersetzen den Verlust an sozialen Kontakten und das Herausfallen aus bestehenden sozialen Netzwerken, die um die Erwerbsarbeit herum bestehen.


 

Zukunft der Tafeln


 

Was läuft falsch in unserer Gesellschaft und wohin steuert die Tafelbewegung?

Nach Meinung des Autors des Buches „Fast ganz unten“, Prof. Dr. Stefan Selke, können Tafeln auf der praktischen Ebene sehr erfolgreich, aber politisch umstritten sein.

Während Prof. Selke die Grundidee der Tafelbewegung für richtig hält, lehnt er die Schaffung „neuer Märkte der Bedürftigkeit“ ab. Inzwischen gibt es Tafeln, die neben Kleiderkammern auch Second-Hand-Läden betreiben, günstig Hundefutter anbieten oder eine Umzugshilfe. Für Selke führt die damit verbundene Kommerzialisierung der Tafeln zu „neuen Abhängigkeiten“ bei den Kunden und zu einem „Verrat“ an der Kernidee der Tafelbewegung.

In einer seiner Thesen am Schluss des Buches zieht Selke den Schluss, das Tafeln auch Armut erzeugen können , indem sie statt zu einer Änderung der Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit zu kommen, zu „sozialer Ungleichheit“ beitragen. Bedürftige Menschen werden „ruhig“ gestellt. Durch ein gut funktionierendes Tafelwesen wird ein „Aufstand der Armen“ erfolgreich verhindert.

Das Ziel ist nach Prof. Selke, die Tafeln überflüssig zu machen. Tafeln sind bisher eine Reaktion auf die ( fast nicht sichtbare) Armut in Deutschland.

Lobenswert ist, dass Prof. Selke über ein Jahr lang als Hospitant an der Praxis der Tafeln teilgenommen hat. Dadurch gewinnt der Leser des Buches einen tiefen Einblick in die Welt der Helfer und Kunden der Tafelbewegung. 34 Fotos im Buch zeigen anschaulich den Alltag der Lebensmitteltafeln.


 

Stefan Selke, Fast ganz unten

-Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird-

Westfälisches Dampfboot, Münster 2008

231 Seiten, 19,90 €

(Das Buch ist mit 34 Fotos bebildert )


 

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